Die Schweiz hat sich mit dem Klimaschutzgesetz verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden. Der Gebaeudesektor, verantwortlich für rund 26 Prozent der nationalen CO2-Emissionen, steht dabei im Zentrum der Transformation. Doch was genau bedeutet Netto-Null für Gebaeude, und wie realistisch ist das Ziel?

Was ist ein Netto-Null-Gebaeude?

Ein Netto-Null-Gebaeude verursacht über seinen gesamten Lebenszyklus keine Netto-Treibhausgasemissionen. Das umfasst nicht nur den Betrieb (Heizung, Kühlung, Strom), sondern auch die graue Energie der Baumaterialien, den Bau, die Instandhaltung und den Rueckbau. Es geht also weit über den reinen Betrieb hinaus.

Die drei Dimensionen von Netto-Null

Der aktuelle Stand des Schweizer Gebaeudepark

Die Schweiz verfuegt über rund 1.8 Millionen Gebaeude, davon werden rund 900000 noch mit fossilen Brennstoffen beheizt. Das durchschnittliche Schweizer Wohngebaeude ist über 40 Jahre alt und entspricht bei weitem nicht heutigen Energiestandards. Die jaehrliche Sanierungsrate liegt bei nur rund 1 Prozent, was bedeutet, dass es bei diesem Tempo 100 Jahre dauern wuerde, den gesamten Bestand zu sanieren.

Herausforderungen der Bestandssanierung

Die Sanierung bestehender Gebaeude ist komplexer und teurer als der Neubau nach modernen Standards. Historische Gebaeude und Denkmalschutz-Auflagen, fragmentierte Eigentumsstrukturen bei Stockwerkeigentum, hohe Vorlaufkosten und das sogenannte Mieter-Vermieter-Dilemma erschweren die Transformation zusaetzlich.

Die Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn 2014) setzen zwar Standards, werden aber nicht von allen Kantonen umgesetzt. Eine Verschaerfung der Vorschriften ist in Diskussion, darunter ein Verbot neuer fossiler Heizsysteme ab 2030.

Standards und Labels für klimaneutrales Bauen

In der Schweiz gibt es mehrere etablierte Standards und Labels, die den Weg zu Netto-Null-Gebaeueden weisen.

Minergie und Minergie-P

Minergie ist der bekannteste Schweizer Energiestandard. Er definiert Grenzwerte für den Energieverbrauch und setzt hohe Anforderungen an die Gebaeudehuelle. Minergie-P geht noch weiter und kommt den Passivhaus-Anforderungen nahe. Der Heizwaermebedarf liegt bei maximal 15 kWh pro Quadratmeter und Jahr.

SNBS: Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz

Der SNBS betrachtet Gebaeude ganzheitlich in den drei Dimensionen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Er beruecksichtigt den gesamten Lebenszyklus und ist damit besonders geeignet für Netto-Null-Gebaeude.

2000-Watt-Areal

Dieses Label zeichnet Siedlungen und Quartiere aus, die den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft entsprechen. Es umfasst Gebaeude, Mobilitaet und Versorgung und zeigt, dass klimaneutrales Wohnen im Massstab ganzer Quartiere moeglich ist.

Schluesseltechnologien für Netto-Null-Gebaeude

Hochleistungsdaemmung

Moderne Daemmstoffe wie Vakuumisolationspaneele (VIP) oder Aerogel erreichen mit geringen Staerken hervorragende Daemmwerte. Sie sind besonders für Innendaemmungen und bei beschraenktem Platz geeignet, kosten aber mehr als konventionelle Materialien.

Wärmepumpen der naechsten Generation

Propan-Wärmepumpen arbeiten mit einem natuerlichen Kältemittel und erreichen hoehere Temperaturen als herkoemmliche Systeme. Dies macht sie auch für die Sanierung aelterer Gebaeude mit bestehenden Radiator-Heizsystemen geeignet.

Gebaeude-integrierte Photovoltaik (BIPV)

Solarmodule, die als Fassadenverkleidung, Dachziegel oder Balkongelaender dienen, eroeffnen neue Flaechen für die Solarstromerzeugung. In der Schweiz sind bereits mehrere Referenzobjekte realisiert, die zeigen, dass BIPV aesthetisch ansprechend und technisch ausgereift sein kann.

Saisonale Waermespeicher

Erdsonden-Felder, Eisspeicher oder grosse Wasserspeicher koennen sommerliche Waerme für den Winter speichern. Diese Technologie ist besonders für grössere Überbauungen und Quartiere relevant.

Politische Rahmenbedingungen

Klimaschutzgesetz und CO2-Gesetz

Das Klimaschutzgesetz, das 2023 vom Schweizer Stimmvolk angenommen wurde, setzt verbindliche Reduktionsziele. Für den Gebaeudesektor bedeutet dies eine Reduktion der Emissionen um mindestens 82 Prozent bis 2040 gegenüber 1990. Das revidierte CO2-Gesetz sieht zudem Foerdermittel von 3.2 Milliarden Franken bis 2030 vor.

Das Gebäudeprogramm

Das Gebäudeprogramm von Bund und Kantonen ist das zentrale Foerderinstrument. Es unterstuetzt die energetische Sanierung der Gebaeudehuelle, den Heizungsersatz und Neubauten nach Minergie-Standard. Die Foerderbeitraege variieren je nach Kanton erheblich.

Kommunale Energieplanungen

Immer mehr Gemeinden erstellen kommunale Energieplanungen, die Gebiete für Fernwaerme, Erdwaerme oder andere erneuerbare Systeme vorsehen. Diese Planungen sind wichtig für die koordinierte Dekarbonisierung ganzer Quartiere.

Praxisbeispiele aus der Schweiz

Suurstoffi Risch Rotkreuz

Das Areal Suurstoffi ist eines der groessten Netto-Null-Areale der Schweiz. Es kombiniert Erdwaerme, Photovoltaik und ein Anergienetz für rund 150 Wohnungen und Bueroflaechen. Der jaehrliche Energiebedarf wird vollstaendig durch erneuerbare Quellen gedeckt.

Umwelt Arena Spreitenbach

Dieses Gebaeude zeigt auf über 5000 Quadratmetern Ausstellungsflaeche, wie nachhaltiges Bauen und Wohnen funktioniert. Die dachintegrierte Solaranlage produziert mehr Strom als das Gebaeude verbraucht.

Der Weg nach vorne

Um das Ziel Netto-Null bis 2050 im Gebaeudesektor zu erreichen, muss die Sanierungsrate von 1 auf mindestens 2 bis 3 Prozent pro Jahr gesteigert werden. Das bedeutet 40000 bis 60000 Gebaeudesanierungen jaehrlich statt der heutigen 15000 bis 20000.

Was Eigenheimbesitzer jetzt tun koennen

Fazit: Netto-Null ist machbar, aber herausfordernd

Die Technologien für Netto-Null-Gebaeude sind vorhanden und wirtschaftlich. Die Herausforderung liegt in der Skalierung und Geschwindigkeit der Umsetzung. Mit den richtigen politischen Rahmenbedingungen, ausreichenden Foerdermitteln und dem Engagement von Eigentuemern, Planern und Handwerkern kann die Schweiz das Ziel eines klimaneutralen Gebaeudepark bis 2050 erreichen. Jede Sanierung und jeder Neubau nach hohen Standards bringt uns diesem Ziel naeher.

Starten Sie mit Solar

Berechnen Sie das Solarpotenzial Ihres Dachs und machen Sie den ersten Schritt Richtung Netto-Null.

Zum PV-Rechner